Sonntagnacht sind Ruven und Thomas mit einer kleinen Verspätung von 1,5 Stunden am Flughafen Guayaquil gelandet. Da ich bereits einen Tag zuvor aus Kolumbien in der gut 2 Millionen Einwohner - Hafenstadt ankam, war ein passendes Zimmer reserviert und wir konnten per Taxi direkt ins Hotel fahren. Bevor wir uns zu Bett legten, besorgten wir uns ein legendäres Pilsener Grande und für den kleinen Hunger ein Toastbrot mit etwas Aufschnitt. Bis 4:00 Uhr saßen wir noch quatschend im Hotelzimmer. Es gab natürlich Etliches auszutauschen.
Am nächsten Morgen fuhren wir per Taxi zur Busstation. Schnell war unter den zahlreichen Anbietern ein vertrauenswürdig erscheinender Busunternehmer mit dem Ziel "Cuenca" gefunden. Für $7 pro Person konnten wir die vierstündige Fahrt in die Anden antreten. Nach den Stadtgrenzen Guayaquils passierten wir kilometerlange Bananan-plantagen. Kurze Zeit später begann der Anstieg in die Anden. Es ging unaufhörlich bergauf. Die Vegetation änderte sich merklich. Auch wurde es kühler. Irgendwann befanden wir uns direkt in den Wolken. Als wir diese schließlich überschritten, konnten wir herrlich auf das Wolkenmeer hinab gucken (Bild 1).
In Cuenca (2.500m über NN) kamen wir im "Posado del Angel" unter, dem "Gasthaus der Engel". Ein vergleichsweise teueres Hostel, dafür aber mit geschmackvoll - gemütlicher Inneneinrichtung, sauberen Zimmern und bequemen Betten. American Breakfast inklusive. Wunderbar für eine Nacht, um am nächsten Morgen unsere zwei- bis dreitägige Wanderung auf dem Inkatrail zu starten. Das Ziel waren die Ruinen von Ingapirca. Wir gingen essen und legten uns gegen Mitternacht zu Bett.
Unglücklicherweise wachte ich mit einem Kratzen im Hals auf, befürchtete den Anfang einer Erkältung oder eines grippalen Infekts. Schonen, kombiniert mit einer Tee- und Vitaminkur konnte ich mir an diesem Tag nicht gönnen, pünktlichum 8:00 wartete unser Guide an der Rezeption. Zuerst ging es auf einen Markt, da wir noch Gummistiefel benötigten. Auch wollten wir uns Mützen besorgen. Für je $30 deckten wir uns an einem Inkastand dann mit Alpaca - Pullover und -Schal, sowie mit Wollmütze und langer Unterhose ein. Mit den Einkäufen ging es dann per PKW vier Stunden lang in das weit entlegene Dorf Achupallas. Bis vor 2 Jahren gab es dorthin noch keine befestigte Straße und per Allrad-Fahrzeug war die Gemeinde auch nur im Sommer zu erreichen. Erwähnenswert noch, dass es zwischen den Familien regelmäßig Absprachen gibt, was die Planung des Anbaus von landwirtschaftlichen und gartenbaulichen Produkten angeht. Auch das wichtige Prinzip der Rotationsbewirtschaftung wird dabei beachtet. Gleiches bei der Tierzucht. Eine vorbildliche Gemeinschaft.
Der Fahrer brachte uns zu dem Haus von Don Louis. Dieser ist ein erfahrener Guide, der sich wöchentlich den Strapazen des Inkatrails stellt. Während wir warteten (Bild 2), belud er seine drei Esel und wir konnten starten. Unser Ziel war, von Achupallas (2.800 m) zur ersten Zwischenstation auf 3.800 m zu gelangen. Dafür waren vier Stunden eingeplant. Wir verließen das Dorf in Richtung der hohen Berge. Unsere Körper hatten in Cuenca nur eine Nacht Zeit, sich auf die sauerstoffärmere Luft einzustellen. Das machte sich schon beim ersten etwas steileren Anstieg (Bild 3) bemerkbar.
Fasziniert von der ungewohnten Landschaft maschierten wir fleißig weiter. Nach ungefähr einer Stunde verließen wir dann die scheinbar letzten bewohnten Gebiete und unsere Anstrengungen wurden mit einem diesem Ausblick (Bild 4 & 5) belohnt.
Jedoch waren die gewünschten Höhenmeter noch nicht erreicht. Der Anstieg schien kein Ende zu nehmen, mein Kopf meldete sich nach 1,5 Stunden. Die körperliche Tätigkeit schien im nicht so wirklich zu gefallen. Er pochte ordentlich. Bei der ersten Pause nach 2 Stunden gab mir Ruven eine Aspirin. Nach einer Stärkung mit Thunfisch-Sandwich und Schokolade ging es weiter. Kurz darauf machte Thomas ein Bild von mir und meinem Bruder vor malerischer Kulisse (Bild 6).
Die nächsten 2 Stunden schleppte ich mich mehr schlecht als recht weiter. Motivierend, der Weg änderte sich, die Steigung war kaum noch wahrzunehmen. Die Esel und Don Louis gingen voran und wir folgten. Durch meinen Schädel konnte ich die einzigartigen Landschaften nicht wirklich genießen. Zum Glück kann man solches ja fotografisch festhalten (Bild 7).
Die nachgelegte 500er-Paracetamol schien nicht wirklich zu helfen. So war ich heilfroh, als wir unser Ziel schließlich erreichten. Nachdem unser Zelt aufgebaut war, legte ich mich sofort rein und wartete sehnsüchtig auf das Nachlassen der Schmerzen (Bild 8).
In dieser Form hatte ich diese noch nicht erlebt. Ich tippe mal auf die Kombination von Höhenkrankheit und einem grippalen Infekt. Die Verbesserung trat nicht ein und so versorgten mich Ruven und Thomas mit Tee, Wasser und Abendessen am "Bett". Nachdem die beiden ihre Mahlzeit mit den Führern eingenommen hatten, kamen auch sie in unsere Behausung. Bild 9 zeigt die letzten wärmenden Sonnenstrahlen auf 3.800 m Höhe.
Danach wurde es kalt. Als Isolation diente eine einfache Schicht aus Plastiksäcken unter unserem Zelt. Isolationsfaktor = 0. Im Voraus schickte man uns zwar eine detaillierte Checkliste, dass aber Luftmatratzen oder Isomatten von Vorteil hätten sein können, erwähnten sie nicht. Unsere Schlafsäcke waren auch eher für laue, deutsche Sommernächte gedacht. Eine 2 mm Eseldecke im Zelt war der einzige Schutz gegen den wärmentziehenden Untergrund. Das Liegen auf dem harten Boden war nur ein kleiner Faktor einer sehr langen, nahezu schlaflosen Nacht. Ich hatte mich eigentlich gut eingepackt: Ein Rollkragenpullover, ein Longsleve, ein normaler Pullover und den Alpaca - Pullover für den Oberkörper. Dazu zwei Paar dicke Socken, eine lange Unter- und eine normale Hose. Mütze und die Kapuze des Alpaca - Pullovers, sowie Handschuhe. Ich war so dick eingepackt, dass sich der Schlafsack kaum schließen ließ. Trotzdem lagen 12 Stunden voller Frieren, Rumwälzen, Wachdaliegens vor uns. Temperaturen von bis zu -2°C machten die Nacht zu Qual. Wegen meiner wieder stärker werdenden Kopfschmerzen musste ich gegen Mitternacht noch mal eine Tablette nehmen. Meine Gedanken kreisten um den nächsten Tag. Die Hoffnung auf Besserung hatte ich schon begraben. Aber vielleicht konnten Thomas und Ruven den Trail fortsetzen? In meinem Zustand alleine vier Stunden den Berg runter war auch nicht so der Hit...
Als es endlich hell wurde gab es dann die alternativen - vernichtende Information von Ruvens Fieberthermometer: 38°C. Für mich war der weitere Aufstieg somit erledigt. Der zweite Teil sollte dazu noch der Anstrengenste der Wanderung werden. Ruven fühlte sich zudem nicht wirklich fit und auch Thomas war die wenig entspannende Nacht anzumerken. So teilten wir unserem Guide mit, dass wir umkehren wollten. Nach dem Frühstück gab's noch mal nen Painkiller, wir packten zusammen und machten uns auf den Rückweg. Lustig an dem Morgen: Einer der Esel, der mit Thomas' und Ruvens Gepäck beladen war sprintete los und Don Louis rannte hinterher, um ihn einzufangen. Für den Abstieg brauchten wir nur drei Stunden und eine weitere Paracetamol ließ das Laufen erträglich erscheinen. Trotzdem waren regelmäßige Pausen nötig. Eine davon Bild 10, kurz nach Ende eines leichten Regenschauers.
Unser Guide kontaktierte den Fahrer, als wieder Handyempfang zur Verfügung stand. Ich konnte es kaum erwarten, das Dorf zu erreichen und wieder nach Cuenca ins Bett zu kommen. Allerdings standen zusätzlich noch 4 Stunden Autofahrt vor uns und der Fahrer sollte erst drei Stunden nach uns ankommen. Erwähnenswert an dieser Stelle die Gastfreundschaft von Ecuadorianern im Allgemeinen und in diesem Fall von Don Louis. Ihm bin ich ewig dankbar:
Er lud uns in sein Haus ein, versorgte uns mit Tee. Danach servierte uns seine Frau eine riesige Portion Reis mit Hühnchen, Gemüse und Salat. Das Mittagessen war durch die unerwartete Rückkehr nicht für uns zubereitet worden, sondern für die Familie gedacht. Anschließend durften wir es uns im Elternschlaf- und Wohnzimmer auf der Couch gemütlich machen. Er zeigte uns traditionelle Musik und reichte uns, den mir schon bekannten Minzlikör. Mein Kopf brachte mich trotz der vielen Schmerzmittel fast um. Als Don Louis mich leiden sah, durfte ich mich in das Bett von ihm und seiner Frau legen. Er schloss Türen und dunkelte Fenster ab und kam nach 2 min mit einer warmen Decke aus dem Kinderzimmer wieder, deckte mich sogar zu. Ich konnte mich so zwei Stunden ausruhen, bis der Fahrer kam. Ruven und Thomas spielten draußen mit den Kindern und unserem Guide.
Auf Bild 11 sitzt links Ruven mit unserem Guide auf der Schwelle. Rechts steht Don Louis und im Türrahmen, sowie davor zwei Exemplare seines Nachwuchses. Nach der Ankunft in Cuenca fuhren wir direkt ins Hostel. Seitdem ruhe ich mich aus. Gesundheitlich geht's schon wieder besser. Bis Sonntag habe ich noch Zeit. Dann müssen wir zurück nach Guayaquil. Am Montag geht unser Flieger in den Norden, ins Amazonasgebiet. Dort erwartet uns das nächste Extrem, wenn auch völlig gegenteilig. Feucht, heiß und Begegnungen mit Spinnen, Schlangen, Affen, Kaimanen, Pirañas,... zum Glück werden wir dort nachts nicht frieren! Ich selbst habe das Ziel, die Ruinen von Ingapirca zu sehen, zwar verfehlt, aber Ruven und Thomas konnten am Morgen nach unser Rückkehr per Auto zu den Ruinen gelangen.
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